Fehlentwicklung eGK/TI | Demokratie und Selbstbestimmung stärken | Die Überbetonung von Technologien

Nach einigen Jahren der Auseinandersetzung mit dem informationellen Cloudsystem der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) und telematischen Infrastruktur (TI) ist klarer geworden womit wir es zutun haben und welche Konsequenzen gezogen werden müssen.

Mit der Konzeptidee bestehende EDV- und IT-Systeme des Gesundheitswesens in einheitlicher Form zu vernetzen und damit Dokumente und Informationen besser austauschen zu können entstand zunächst der Eindruck von Innovation und Fortschritt.

Die Fragen nach den Bedingungen und Folgen, die mit diesem Konzept verbunden sind, wurden im Vorfeld des Projektes nicht gestellt und mit den dafür erforderlichen Ressourcen an Manpower und Kapital differenziert untersucht. Der Einsatz von Manpower und Kapital sind allerdings nicht die einzigen Faktoren die ein IT-Konzept determinieren, es geht um eine gesellschaftliche Fehlentwicklung, die ihre Bürgerressourcen nicht nutzt. Die Entwicklung dieses IT-Projektes, in den einzelnen Phasen bis heute, ist unmittelbarer Ausdruck davon.

In der Regel verstehen wir Demokratie, in idealisierter Form, als Diskussionskultur und Mehrheitsentscheidung. Von der Diskussionskultur erwarten wir in der Praxis die faire, aber auch kämpferische Auseinandersetzung unterschiedlicher Standpunkte mit dem Ziel dadurch überprüfte und bessere Ergebnisse zu erhalten.
 
Die Realität sieht anders aus, von den Problemen der repräsentativen Demokratie, die ganze Bücherreihen füllen, bis zur Lobby-Arbeit der Industrie und dem Erfolgs- und Gewinnmaximierungsdruck im Allgemeinen, wird die Situation durch eine Entwicklung bestimmt, die in selbstverständlich gewordener Form die politischen Ergebnisse als die besten alternativlosen Lösungen festlegt.

Hier liegt eine ausgeprägte Selbstüberschätzung vor, die, abgesehen von den Eigeninteressen, auch eine Reaktion auf die Überforderung der menschlichen Kapazitäten für die Datenverarbeitungen darstellt.

In positiver Hinsicht entwickeln sich die Technologien weltweit in einem rasanten Tempo, angesichts der Millionen an Wissensarbeitern, die über das Internet vernetzt arbeiten können und mit dem Internet an den größten jemals existierenden Wissenspool aller Zeiten angeschlossen sind.

Damit verbunden explodiert die Menge an Informationen in einer exponentiellen Kurve. Die Menge der entstehenden Informationen hat eine Größenordnung erreicht, die nur noch effektiv von Maschinen verarbeitet werden können.

In negativer Hinsicht gesehen koppelt sich die Entwicklung der technischen Systeme von der Beherrschung durch den Menschen ab. Als Beispiel dafür kann auch die Entwicklung der Finanzsysteme und Finanzprodukte herangezogen werden. Ohne dass wir es rechtzeitig gemerkt haben entwickelten sich weltweit hundertausende an exotischen Finanzprodukten, mit Hebeln die eine Wertschöpfung ermöglichten, die sich von der realen Welt vollkommen abkoppelte.

Die politischen Systeme, die handlungsfähig bleiben müssen, können den pyramidenförmigen Aufbau der Entscheidungshierachien nicht kippen und die Vorverarbeitung von Informationen, die für Entscheidungen aller Art gebraucht werden, muss an einen Ausarbeitungspunkt gebracht werden, der für einige wenige Entscheider an der Spitze der Pyramide verständlich und erfassbar bleibt.

Von der Logik her rückt daher die Betrachtung der projekt-bedingten Datenvorverarbeitung in den politischen Systemen in den Vordergrund. Im Falle der elektronischen Gesundheitskarte und telematischen Infrastruktur haben wir es mit einer begleitenden Informationsmenge zutun, die jede Vorstellungskraft sprengt und auf die Bedingungen im politischen System getroffen sind, die eine Reduzierung und einseitige Betrachtung erzwingen.

Ein weiterer Aspekt ist die einseitige Betrachtung von Technik als einziger Pool für innovative Lösungen gesellschaftlicher Anforderungen.

Wenn das eGK/TI-System bis zu 14 Milliarden Euro kostet und diese Summe überwiegend dazu genutzt wird neue Technologien und Systeme zu etablieren, dann stellt sich die Frage welche Alternativen mit menschlichen Potentialen gefunden werden können. Stellen wir uns einmal vor, die Aufgabe hätte darin bestanden das Problem der Personalengpässe und Digitalisierung im Gesundheitswesen mit einer Projektsumme von 14 Milliarden in einer neuartigen Form zu lösen, die nicht rein technische Lösungen favorisiert, sondern die Entwicklung neuer Konzepte und Organisationsformen, die mit menschlichen Kapazitäten und der Erhaltung von Demokratie und Freiheit zusammenhängen.

Die ausgeprägte Selbstüberschätzung zeichnet sich auch dadurch aus, dass im Vorfeld von gesellschaftlichen Projekte ganzheitliche Konzepte, die Technik, Soziales, Demokratie, Kollaboration der beteiligten Gruppen der Gesellschaft und die sorgfältige Gegenüberstellung mehrerer Alternativen einplanen, ausgeklammert werden.

In aktuellen Urteilen der Gerichte zur elektronischen Gesundheitskarte wird das Allgemeininteresse der Gesellschaft für ein verbessertes Gesundheitssystem über die informationelle Selbstbestimmung des Einzelnen gestellt. Dies ist ein unglaublicher Vorgang, denn die Annahme einer Verbesserung des Gesundheitssystems durch die elektronische Gesundheitskarte und telematische Infrastruktur ist nichts mehr als eine Hypothese, die auf der Übergewichtung der Informationsquellen beruht, die das System mit aller Kraft vermarkten wollen.

Die Erarbeitung der Punkte, die eine Verschlechterung des deutschen Gesundheitssystems durch das eGK/TI-System aufzeigen muss von den Bürgern vorgenommen werden. Von der Politik und der Rechtsprechung können wir hier nichts erwarten.

Zu denn offensichtlichen Punkten, die zu einer Verschlechterung beitragen, gehört das grundlegende Konzept des eGK/TI-Systems, ähnlich wie im Bankenbereich, bisherige Services, die über zwischenmenschliche und soziale Beziehungen zwischen Versicherten und Dienstleister (z.B. Krankenkassen) erbracht wurden, in die Logik der eingesetzten Software und in die einseitige Abwicklung durch den Kunden zu verlagern. Im Bankenbereich kennen wir das Online-Banking von zuhause und die neuen Überweisungsterminals im Eingangsbereich der Banken, über die wir unsere Bankgeschäfte, wie Geldtransaktionen und Überweisungen selbständig ausführen können.

In identischer Form wird das eGK/TI-System aufgebaut, die bisherigen Gesundheitsservices werden in Online-Terminals und in neue Software ausgelagert, die wir selbst bedienen müssen. Wir werden gezwungen in immer größerem Umfang alles über Maschinen, Software und künstliche Intelligenz abzuwickeln. Die geplanten eGK/TI-System Anwendungen eKiosk und versicherter@home sind die besten Beispiele für diese Entwicklung. Der Aufwand für die auf uns verlagerte Abwicklung von Dienstleistungen steigt ständig: Das Ablesen der Stromwerte und die Übertragung der Werte an unsere Stromanbieter über die Online-Portale, das Online-Banking, das Ausdrucken der Rechnungen, die überwiegend nur noch Online an uns versandt werden und nun die Abwicklung des Gesundheitswesens, all das was eine funktionierende häusliche IT voraussetzt, in Bezug auf Einrichtung und Konfiguration, steigt exponentiell an.

Meine Ausführungen bedeuten nicht die Ablehnung von Technik, im Gegenteil meine Meinung ist dass wir die Technik in vollständig integrierter Form nutzen können, allerdings in Form von Konzepten, die mit noch ungewohnten Vorstellungen zusammenhängen (siehe z.B. Korallenriff-IT, ein neuer Ansatz für Cloud Computing und Datenhoheit)

Es müssen die Fragen gestellt werden, wie komfortabel und menschlich diese Systeme und Schnittstellen eigentlich konstruiert sind und ob die damit verbundenen Zwänge über unser Rechtssystem legitimiert sind?

Der Schluss liegt nahe zu sagen, wir werden zu den Sklaven der IT-Maschinen und der Software um die Gewinne der Betreiber zu maximieren. Es ist an der Zeit die Vorteile, Nachteile und den Nutzen detaillierter zu betrachten.

Von einer zukunftsweisenden Form der Integration der Technologien in die menschliche Gesellschaft sind wir sehr weit entfernt.







 

 Neue Positionen für den Widerstand gegen die elektronische Gesundheitskarte (eGK) und telematische Infrastruktur (TI) auf Basis technischer Analysen und neuerer Meldungen zur eGK/TI

2002063

Gesamtarchitektur EGK und TI: Telematische Infrastruktur (TI-System), Komponenten und Rechenzentren

Rolf D. Lenkewitz

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